Wimbledon

Dass Briten überdurchschnittlich höflich sind, ist weltweit bekannt. Und auch, dass sie es als selbstverständlich empfinden, für alles eine Reihe zu bilden, ist kein Geheimnis (ein netter Zeitungsartikel zum Thema). Die Queue wird von allen akzeptiert. Wie weit diese Selbstverständlichkeit – oder vielleicht kann man es auch schon als Liebe bezeichnen – aber wirklich geht, habe ich am letzten Wochenende gelernt. Ich wusste zwar, dass sogar eine Reihe gebildet wird, wenn man mit dem Bus fahren möchte und dass es gesellschaftlich verachtet wird, sich vorzudrängeln, daran habe ich mich in den letzten Monaten auch schon gewöhnt. Vielleicht auch schon ein bisschen zu sehr, weil ich mich mittlerweile wie selbstverständlich auch anstelle, um in den Bus einzusteigen. Bei Wimbledon, das als britischstes Ereignis überhaupt gilt, wurde ich dann aber doch noch einmal überrascht.

Sonntag, 16. Juli 2017
6.00 Uhr
Der Wecker klingelt ein erstes Mal.

6.15 Uhr
Der Wecker klingelt ein zweites Mal.

6.30 Uhr
Der Wecker klingelt ein drittes Mal und ich schaffe es nach der üblichen halben Stunde endlich aus dem Bett. Auf geht’s zu Waterloo (dank meines Umzuges zu Fuß in zehn Minuten) und mit dem Zug in den Stadtteil Wimbledon im Londoner Süden.

7.50 Uhr 
Ankunft an der Tube-Station Wimbledon und meine allererste Fahrt mit einem Black-Cab. Wieder ein Punkt, der auf meiner To Do-Liste abgehackt werden kann.

8.00 Uhr
Der Wahnsinn mit The Queue beginnt. In der Hoffnung, nicht schon zu spät zu sein, hetzen wir Sonntagmorgen um 8 Uhr an das Ende der Schlange. Auf dem Weg dorthin

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A Guide To Queueing

wird uns zunächst ein 29 Seiten langer Führer in die Hand gedrückt, der in aller Ausführlichkeit beschrieben wird, wie man sich richtig anstellt. Ohne Witz. Die wichtigsten Auszüge aus dem ‚The Queue Code of Conduct‘ (man beachte die Schreibweise von The Queue‘):

– You may not reserve a place in The Queue for somebody else, other than in their short term absence (e.g. toilet break, purchase of refreshments etc.). Temporary absence from The Queue should not exceed 30 minutes.
– Queue jumping is not acceptable and will not be tolerated
– Your position in The Queue cannot be reserved by the placement of equipment – you must be present in person and hold a valid, numbered and dated Queue Card. Queue Cards are issued one per individual and are strictly non-transferable

 

Zusätzlich zum ‚Guide to Queueing‘ bekamen wir – wie im Führer schon erwähnt wurde -die Queue Card zugewiesen, die eine Nummer enthielt, damit sichergestellt werden kann, dass sich auch jeder an die Regeln hält.
Nun hieß es Queueing und das für zweieinhalb Stunden. Wir hatten dann eines: sehr viel Glück. Es gab 1500 Karten – unsere hatten die Nummern 1474 und 1475.

 

 

10.30 Uhr
Das Gelände, auf dem ‚The Lawn Tennis Championship‘ stattfindet, war riesig. Ich war nie wirklich an Tennis interessiert, kenne nur die ganz großen Namen und keine Regeln. Trotzdem war es sehr interessant, das älteste und prestigeträchtigste Tennisturnier der Welt einmal so hautnah miterleben zu können und zu sehen, wie Roger Federer Geschichte schrieb, als er Wimbledon in diesem Jahr bereits zum achten Mal gewann, so oft wie zuvor kein anderer. Wir konnten zwar nicht ins Stadion, aber auf den

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Murray Mount

berühmten ‚Murray Mount‘ und das Spiel dann auf einer großen Leinwand mitansehen. Und ich war begeistert, nicht zwingend vom Spiel, weil ich, wie gesagt, keinerlei Ahnung davon habe. Aber von der Begeisterung der anderen Zuschauer und dem ganzen Drumherum. Jeder war nervös, in den ersten Momenten war es trotz tausender Leute mucksmäuschenstill und jeder schien vollkommen in seinem Element zu sein. Es wurde von draußen angefeuert, gejubelt, geschrien, mitgefiebert. Jeder trank Pimm’s und aß ‚Strawberries and Cream‘. Britischer geht es wohl kaum. Und auch das Wetter muss Tennis-Fan sein, denn obwohl es ununterbrochen danach aussah, als würde es jeden Moment anfangen zu regnen, hielt auch der Himmel seine Tore verschlossen.

 

 

17.00 Uhr

Nach dem Spiel liefen wir schließlich noch das restliche Gelände ab, bevor es zum zweiten Mal an diesem Tag es ins Black Cab und nach Hause ging. Ein unerwarteter,  aber vielleicht genau deshalb auch so interessanter und toller Tag.

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